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Der Schwarze Kanal


Das Leben ist ungerecht

07. Januar 2009, 13:39 Uhr von erik


Erfahrungswert: Schlechte Musik bekommt man umsonst, gute muss man oft erst mühsam suchen und dann bei irgendwelchen Kleinstversänden überteuert einkaufen. OK, ich will nicht klagen. Ich gebe mein Geld gern für gute Musik aus. Aber die Frage muss erlaubt sein: Warum sind gerade schlechte Bands so emsige Selbstpromoter? Ich persönlich finde ja die Isten-Antwort sehr verlockend: Gute Musik findet früher oder später ihr Publikum, dazu bedarf es (fast) keiner Öffentlichkeitsarbeit seitens der Band oder des zuständigen Labels. Sicher, das mag heute nicht mehr der Weisheit letzter Schluss sein, weil die VÖ-Flut schier unglaublich ist. Andererseits haben sich gleichzeitig die Kommunikationsmöglichkeiten dermassen entwickelt, dass man mit ähnlichem Aufwand viel mehr mitbekommt als vor zehn Jahren oder so. Die Isten-Theorie könnte also immer noch funktionieren. Was sie aber nicht erklären kann, das ist die fehlende Selbstkritik all der bestenfalls mittelmässigen Bands, die meinen, ihre Musik wäre es durch ihre schlichte Existenz wert, vom Rest der Welt gehört zu werden. Newsflash: Sie ist es nicht! Was bringt diese Leute dazu, mit Material hausieren zu gehen, das man einfach nicht ernsthaft gut finden kann, wenn man schon mal guten BM gehört hat? Ich gehe ja auch nicht mit halbfertigen Artikeln zu meinem Prof, weil ich weiss, dass da nichts Gutes bei rauskommt. Was also verschliesst die Ohren halbfertiger Bands vor den Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Auswürfe? Gehaltvolle Antwortvorschläge kann man an mich schicken, die beste Idee wird mit einer Kaeos-Promo "belohnt".

Kaeos sind nämlich wieder mal so ein Fall aus der "Was soll der Scheiss?"-Kategorie. Ich würde im Prinzip gern etwas Positives über "Wolves for the Throat - Ravens for the Eyes" sagen (und das meine ich tatsächlich ernst!), aber der selbstgebastelte Silberling gibt einfach nichts her. Sicher, die Aufmachung ist um Einiges ansprechender als die kürzlich beklagte Irrwisch-Katastrophe, aber wirklich helfen können derlei Äusserlichkeiten natürlich nicht. Löblicher ist da schon, dass man das komplette Material auf der Bandseite herunterladen kann - aber unangenehme Dinge werden durch ihre Gratisnatur normalerweise eben nicht angenehmer, nur billiger. Immerhin wird so niemand durch irreführende MySpace-Schnipsel um sein Geld gebracht, das ist ja schon mal was. Amüsant ist in diesem Zusammenhang, dass die Demo-CD auf 300 Stück limitiert ist. Glauben die Jungs wirklich, 300 CD-R an den Mann bringen zu können, wenn die Leute wissen, was sie erwartet? Gesundes Selbstbewusstsein oder kompletter Realitätsverlust? Nun, es mag ja sein, dass es für uninspirierten BM mit dünnem Klang einen Riesenmarkt gibt, aber Verkaufszahlen jenseits der 50 fände ich persönlich ziemlich erschütternd. Nicht dass das mein Menschenbild über den Haufen werfen würde, aber wenn man bedenkt, dass einige der grossartigsten Bands überhaupt mit Verkäufen im unteren vierstelligen Bereich zufrieden sein müssen, wären dreistellige Absatzzahlen für Kaeos ein geschmackloser Witz. Natürlich kann es auch sein, dass die 300 Exemplare in erster Linie als Tauschmaterial gedacht sind, mit dem man die ähnlich überflüssigen Produkte einer kleinen Auswahl von Zillionen MySpace-Combos erwerben will. Dann will ich nichts gesagt haben, denn das wäre in der Tat sehr passend.

Aus ganz anderem Holz ist Toreva geschnitzt (deren Kassettendemo ich natürlich nicht frei Haus bekommen habe). Das slovakische Soloprojekt gefällt mit treibendem, recht melodischen Black Metal, der in seiner Eingängigkeit etwas von Skyforgers Heavy-Metal-lastigem Zweitwerk hat. Ein kleiner Wermutstropfen ist der ziemlich leblose Stromtrommler, gerade zu Torevas Version von BM würde ein richtiges Schlagzeug viel besser passen. Doch spätestens, wenn die geile Leadgitarre loslegt, hat man derlei Kleinigkeiten verschmerzt. Was für Melodien da präsentiert werden! Gelegentlich etwas folkig angehaucht, mal von subtiler Melancholie durchzogen, oft stürmisch-kämpferisch; immer grossartig. Das Pünktchen auf dem i ist das kraftvolle Organ des Sängers, der sein Gekrächze klar genug artikuliert, um den Hörer den Klang seiner Muttersprache geniessen zu lassen, die wie alles Slawische ganz hervorragend zu Black Metal passt. "Skryte Brany Do Neznamych Svetov..." ist auf für meinen Geschmack etwas zu vorsichtige 150 Stück limitiert, wird dafür aber so schlecht vertrieben, dass auch langsame Zeitgenossen sicher noch irgendwo ein Exemplar auftreiben können.


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Disclaimer

19. Januar 2009, 12:28 Uhr von erik


Kaeos sind mit meinen Äusserungen zu ihrem Demo nicht zufrieden. Nun, das ist ihr gutes Recht. Ich will der Truppe auch gar nicht unterstellen, das Gejammer über fehlenden Inhalt hätte nur im Geringsten etwas mit der eher nicht so positiven Natur meiner Worte zu tun. Hätte ich eine ähnlich "inhaltsarme" postive Besprechung abgeliefert, wäre darüber bestimmt auch gemeckert worden. Daran besteht kein Zweifel. Ganz sicher. Überhaupt keine Frage.

Ich will mich an dieser Stelle nicht gross damit aufhalten, auf die Reaktion der Band im Detail einzugehen. Dazu ist die Combo einfach nicht wichtig oder gut oder interessant genug. Deswegen will ich darüber hinwegsehen, dass Kaeos meinen eher simplen Text in Einzelheiten offensichtlich nicht richtig verstanden haben. Immerhin ist die Botschaft als solche angekommen. Auch will ich nicht darauf herumreiten, dass zwischen dem Verlangen nach einer "ordentlichen" Besprechung sowie "professionellen" Umgangsformen und dem Vorwurf allzu übertriebener "deutscher Ordnung" ein nur schwer überbrückbarer Widerspruch besteht. Aber Kaeos sind halt "Künstler", da kann man nicht verlangen, dass sie einen Text richtig erfassen oder ihren öffentlichen Verlautbarungen ein bisschen innere Logik mit auf den Weg geben. Das wäre reinster deutscher Ordnungsfaschismus.

Doch wie gesagt soll es hier gar nicht um Kaeos gehen. Vielmehr will ich den (wenn auch nichtigen) Anlass dazu nutzen, eine Art "Disclaimer" zu umreissen, auf den ich in Zukunft verweisen kann, falls sich ein armer, missverstandener Künstler entblöden sollte, seine ach so ungerechte Behandlung zu beklagen.

Was ich persönlich - nicht nur im BM - gar nicht mag, ist Promotion nach dem Giesskannenprinzip. Also erst Google befragen und dann wahllos und massenweise Promos an Magazine etc zu schicken, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat. Sicher, bei grösseren Labels und erst recht bei Promoagenturen geht das kaum anders - aber bei denen haben wir uns nicht umsonst abgemeldet. Also kann ich die ganz bewusst aussen vor lassen. Und bei den Sachen, die der Briefträger anschleppt, gehe ich dann halt davon aus, dass es sich nicht um Streufeuer handelt - denn warum sollte ich mein Verhalten nach Leuten richten, deren Vorgehen ich schlicht nicht mag?

Unterm Strich heisst das: Wenn jemand mir seine Musik zwecks Rezension zuschickt, dann nehme ich prinzipiell an, dass dieser Jemand sich mit diesen Seiten auseinandergesetzt hat und demzufolge weiss, was ihn unter Umständen erwartet. Dass der Absender sich darüber im Klaren ist, dass ich mich selbst in der offiziellen Reviewabteilung wiederholt von der allerorten üblichen scheinheiligen Objektivitätsliturgie distanziert habe. Und dass ich speziell hier im Blog meinem Affen ungehemmt Zucker gebe, zumindest ab und zu.

Das heisst im Umkehrschluss natürlich noch lange nicht, dass die Schreibe hier keinerlei Inhalt hätte. Die gelegentliche Kürze "traditioneller" Inhalte und stattdessen die Konzentration auf vermeintliche Nebensächlichkeiten ist nämlich schon an sich ein Kommentar zur Qualität der fraglichen Musik. Wer das nicht verstehen will oder kann, sollte sein Zeug vielleicht nur an Adressen schicken, die sich umfassend zu jedem Scheiss äussern, auch wenn drei Worte das Gleiche aussagen würden. Ich persönlich sehe wenig Sinn darin, immer neue, endlose Umschreibungen für den simplen Fakt zu erfinden, dass die meisten Veröffentlichungen schlicht belanglos sind. Wenn ihr ausführliche Rezensionen wollt, dann macht Musik, die diese auch verdient! Es ist ja bei Weitem nicht so, dass ich keine halbwegs ordentlichen Kritiken hinkriege, wenn der Gegenstand meiner Betrachtungen es mir wert ist. Im Gegenteil, gerade in jüngerer Vergangenheit habe ich mich auf ausführliche, positive Reviews konzentriert, weil endlose Verrisse irgendwann auch keinen Spass mehr machen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich will niemanden entmutigen, mich auch weiterhin mit seiner hoch geschätzten Meinung zu meinen wertlosen Auswürfen zu unterhalten. Da es die Musik zu oft einfach nicht bringt, sind die Ausflüsse verletzter Künstlerseelen mitunter das einzig Unterhaltsame an diesem Geschäft. Auch wenn ich die Motivation dahinter nicht recht verstehen kann. In Finnland spricht man von einem Itkupotkuraivari, wenn sich ein kleines Kind heulend, schreiend und tretend vor dem Süssigkeitenregal (oder an ähnlichen Orten) auf den Boden wirft, um seine Wünsche durchzusetzen. Wenn den Eltern ihr Leben lieb ist, kommt dabei natürlich nichts heraus. Aber immerhin ist es amüsant zu beobachten. Der Itkupotkuraivari (was für ein schönes Wort, so effizient und voller Assoziationen) missverstandener Künstler ist ein noch absurderes Ereignis. Alle wissen, dass dabei nichts rauskommen kann - mein zweieinhalbjähriger Nachwuchs weiss, dass derlei nichts bringt - dennoch wird immer mal wieder gezetert und gejammert, dass es eine wahre Freude ist. Clowns wie Kaeos sind sich nicht mal für einen "heartfelt deathwish" zu schade. Warum nur? Um mich für das schale musikalische Erlebnis zu entschädigen? Oder um ganz sicher zu gehen, dass ich meine Zeit nicht mit den nächsten Veröffentlichungen der Band verschwende? Sollte es den Leuten also tatsächlich um mein Wohl gehen? Wenn dem so ist: Vielen Dank!


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